Katharina Debus ist Diplom-Politologin und arbeitet für Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V. In einem Schreibgespräch beleuchtet sie die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die bei der Verbindung der Themen Geschlecht und Schule zu beachten sind.
Redaktion: Bietet die Ganztagsschule mehr Möglichkeiten, um die Chancengleichheit der Geschlechter zu ermöglichen?
Katharina Debus: Meines Erachtens bietet die Ganztagsschule aufgrund der größeren zeitlichen Spielräume sehr gute Möglichkeiten, um ganzheitlich an den unterschiedlichen Teilaspekten von Geschlechtergerechtigkeit anzusetzen. Dabei kann einerseits der Unterricht die genannten Aspekte berücksichtigen. Aber auch außerunterrichtliche Angebote haben besondere Potenziale, mit anderen Möglichkeiten der Rhythmisierung und jenseits von Lehrplänen und Notengebung querliegende Kompetenzen und Auseinandersetzungen im Rahmen des psychosozialen Lernens zu befördern.
In Anbetracht der Problematik von Schule als Zwangsgemeinschaft mit hohem Normierungsfaktor bietet die Ganztagsschule aber auch ein Risiko, indem hier problematische Aspekte von Halbtagsschulen möglicherweise noch unentrinnbarer werden. Schüler_innen, die in der Schule Abwertung für nicht-konformes Verhalten, oder entsprechende Geschlechter- oder sexuelle Identitäten erfahren, haben zumindest in gebundenen Ganztagsschulen nicht mehr die Möglichkeit, sich nach Unterrichts-Ende in freundlichere soziale Räume zurückzuziehen. Die Ganztagsschule hat also in besonderem Maße die Aufgabe, Normierungen, Diskriminierungen und Gewalt entgegen zu wirken, und Rückzugsräume bereit zu stellen. Auch gezielte Angebote zu Themen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sollten Standard sein, wie auch Ansprechpartner_innen bei Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen. Dabei ist darauf zu achten, dass es einerseits öffentliche Angebote für alle Interessierten gibt: Auch tendenziell geschlechtskonforme Jugendliche können es spannend finden, sich mit der großen Vielfalt geschlechtlicher Ausdrucksweisen und Möglichkeiten zu beschäftigen; auch heterosexuelle Kinder und Jugendliche können es interessant finden und dadurch gewinnen, etwas über sexuelle Vielfalt und verschiedene Lebensformen zu erfahren. Andererseits sollte es aber auch geschützte Möglichkeiten der Auseinandersetzung und des Empowerments geben für Kinder und Jugendliche, die sich mit ihrer Nonkonformität (noch) nicht outen möchten.
Nicht zuletzt ist in der Ganztagsschule auf eine Vielfalt im Bereich der Repräsentation zu achten: Wenn den Kindern und Jugendlichen wenig Zeit für ergänzende Angebote in der Freizeit bleibt, ist es ein besonderes Problem, wenn in der Schule nur Pädagog_innen sichtbar sind, die eher geschlechterkonform, heterosexuell und darüber hinaus weiß (i.d.R. im Kontrast zum Reinigungspersonal), mehrheitsdeutsch, akademisch gebildet etc. sind. Vielmehr sollten Frauen, Männer und ggf. auch Menschen anderer Geschlechter jeweils in einer größtmöglichen Vielfalt sichtbar und ansprechbar sein. Nur so kann die Chance erhöht werden, dass alle Schüler_innen die Schule als einen Ort erleben können, wo ein gleichberechtigter Raum für Menschen wie sie selbst erfahrbar ist und wo sie Ansprechpartner_innen für ihre Fragen und Probleme finden.
Wenn eine Ganztagsschule diese Herausforderungen angeht, dann kann sie durch ihre besonderen Möglichkeiten verlässlicher und verbindlicher langfristiger Begleitung der Kinder und Jugendlichen und ihre Vielfalt von Angeboten und Lernsettings sehr viel in Sachen Geschlechtergerechtigkeit in der Schule bewirken. Vollständigen Artikel öffnen
Auszug aus dem Schreibgespräch „Jungen und Mächen gleichermaßen fördern! Welche Aufgaben ergeben sich für Lehrerinnen und Lehrer?“ von Katharina Debus (dissens e.V.)
Dissens - Institut für Forschung und Bildung e.V.
ist ein gemeinnütziger Verein mit Beratungs-, Bildungs-, Forschungs- und Jugendarbeitsprojekten. Der Verein wurde 1989 gegründet. Seine Ziele sind die Förderung der Gleichstellung, der Abbau von Geschlechterhierarchien, insbesondere in der Berufsarbeit, und die Prävention von Gewalt mit einem Fokus auf Männer und männliche Jugendliche als Opfer und Täter.Der Verein übt seine Tätigkeiten auf lokaler, bundesweiter und internationaler Ebene aus.
Katharina Debus ist Diplom-Politologin, arbeitet für Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V. und ist freiberuflich forschend und fortbildend zu Geschlechterverhältnissen, Weiblichkeit, Männlichkeit, Intersektionalität und Rassismus mit einem Fokus auf schulischer und außerschulischer Bildung. Sie greift dabei u.a. auf Erfahrungen der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung im Rahmen von Mädchenarbeit, reflexiver Koedukation, internationalen Jugendaustauschen und Seminaren mit Erzieher_in-Azubis u.a. in der Heimvolkshochschule „Alte Molkerei Frille“ zurück. Sie ist zu erreichen unter katharina.debus@dissens.de.